Manche Gebäude werden zum Graffiti Hotspot, andere direkt daneben bleiben über Jahre verschont. Eigentümer, Hausverwaltungen und Kommunen erleben dieses Bild immer wieder.
Kriminologie, Umweltpsychologie und Stadtplanung liefern dafür eine Erklärung. Graffiti entstehen selten wahllos. Es gibt kein Patentrezept, das jede einzelne Tat erklärt. Bestimmte Merkmale erhöhen oder verringern jedoch nachweislich das Risiko, dass eine Fassade wiederholt zum Ziel wird. Meistens entscheidet das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, nicht ein einzelner Grund.
Viele stellen sich vor, ein Sprayer wähle spontan eine Wand und lege los. Tatsächlich prägen die Gegebenheiten vor Ort die Entscheidung. Wer unbemerkt sprühen will, prüft die Erreichbarkeit der Wand, das Risiko, gesehen zu werden, die verfügbare Fläche und ob dort bereits gesprüht wurde. Aus diesen Überlegungen ergibt sich oft, warum zwei nahezu identische Gebäude unterschiedlich betroffen sind.
Der Nachahmungseffekt zählt zu den am besten belegten Erkenntnissen in diesem Bereich. Bleiben Tags oder Graffiti über längere Zeit sichtbar, steigt häufig die Wahrscheinlichkeit weiterer Schmierereien an derselben Stelle. Eine bereits besprühte Fläche zeigt, dass dort erfolgreich gesprüht werden konnte. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle für neue Täter, weil die Wand bereits verändert ist.
Deshalb empfehlen Städte, Wohnungsunternehmen und Polizeibehörden, neue Graffiti möglichst zeitnah zu entfernen. Das verhindert nicht jede weitere Tat, senkt aber das Risiko wiederholter Beschädigungen.
Graffiti sollen gesehen werden. Betroffene Gebäude liegen deshalb oft an Hauptverkehrsstraßen, Bahnstrecken, Radwegen, Unterführungen, Fußgängerverbindungen, Bushaltestellen und öffentlichen Plätzen. Gute Sichtbarkeit reicht als Erklärung trotzdem nicht aus, denn Täter wollen beim Sprühen selbst meist unentdeckt bleiben.
Attraktiv sind deshalb Bereiche, die zwar öffentlich sichtbar sind, während des eigentlichen Sprühens aber wenig soziale Kontrolle bieten. Ein Gebäude direkt an einer belebten Straße kann stärker betroffen sein als sein Nachbarhaus, wenn auf die Nachbarfassade dauerhaft Büros, Wohnungen oder Gastronomie blicken und die andere Wand unbeobachtet bleibt.
Oft entscheidet nicht das Gebäude selbst, sondern seine unmittelbare Umgebung. Eine Wand liegt im Schatten einer Unterführung, die andere wird durch Straßenlaternen ausgeleuchtet. Vor der einen Fassade wächst dichter Bewuchs, vor der anderen verläuft ein offener Gehweg. Parkende Fahrzeuge schirmen eine Wand ab, während die Nachbarwand ständig von Anwohnern eingesehen wird.
Für Passanten wirken beide Gebäude nahezu identisch. Für jemanden, der unbemerkt sprühen will, entscheiden genau diese kleinen Unterschiede.
Die Gestaltung eines Gebäudes beeinflusst das Risiko zusätzlich. Große zusammenhängende Wandflächen bieten viel Platz und ermöglichen schnelles Arbeiten. Fassaden mit vielen Fenstern, Vorsprüngen, Balkonen, Begrünung oder Gliederungselementen unterbrechen die Fläche und erschweren das Sprühen. Strukturierte Gebäude bleiben nicht automatisch verschont, bieten aber seltener die zusammenhängende Fläche für ein großes Graffiti.
Der Pflegezustand eines Gebäudes beeinflusst nachweislich das Verhalten von Menschen in seiner Umgebung. Ein regelmäßig gereinigtes, instand gehaltenes Gebäude vermittelt, dass sich jemand kümmert. Bleiben Schäden dagegen lange sichtbar, entsteht der Eindruck, Kontrollen fänden seltener statt oder Sachbeschädigung werde nicht konsequent beseitigt.
Dieser Zusammenhang wird in der Forschung meist unter dem Stichwort Broken-Windows-Theorie diskutiert. Die Theorie erklärt nicht jede Form von Kriminalität und wird in der Wissenschaft kontrovers bewertet. Für Graffiti gilt trotzdem als gut belegt: konsequente und schnelle Entfernung erschwert wiederholte Beschädigungen.
Nicht jedes Material wird gleich häufig besprüht. Eine eindeutige Rangfolge gibt es nicht, Material und Oberflächenstruktur beeinflussen aber sowohl die Attraktivität einer Fläche als auch die spätere Reinigung. Große glatte Betonflächen verhalten sich anders als Klinker, Naturstein, Holz, strukturierter Putz oder begrünte Fassaden. Farbpigmente dringen je nach Material unterschiedlich tief ein, das verändert nicht nur das Reinigungsverfahren, sondern auch die langfristigen Folgen eines einzelnen Vorfalls.
In vielen Städten entstehen Bereiche, die über Jahre hinweg immer wieder betroffen sind. Diese Hotspots entwickeln sich meist schrittweise. Eine erste Schmiererei bleibt stehen. Weitere Tags kommen hinzu. Die Fläche wird innerhalb der Szene bekannt, weitere Personen nutzen dieselbe Wand. Mit der Zeit entsteht ein Ort, der regelmäßig erneut besprüht wird. Dieser Prozess tritt nicht zwangsläufig ein, wird aber in vielen Städten beobachtet.
Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Das Risiko lässt sich aber senken. Neue Graffiti zeitnah entfernen, Gebäude regelmäßig kontrollieren, schlecht einsehbare Bereiche besser beleuchten und Sichtschutz vermeiden, wo dadurch unbeobachtete Ecken entstehen, sind die wirksamsten Einzelmaßnahmen. Anti-Graffiti-Beschichtungen lohnen sich dort, wo sie technisch sinnvoll sind. Gefährdete Fassaden gehören auf einen festen Kontrollrhythmus. Bei Neubauten lässt sich spätere Pflege und mögliches Risiko bereits in der Planung mitdenken.
Welche Maßnahme im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Gebäude, Nutzung, Lage und Fassadenmaterial ab. Wer eine Immobilie langfristig schützen will, betrachtet deshalb nicht nur die Beseitigung einzelner Graffiti, sondern die gesamte Situation rund um das Gebäude. Meistens entscheiden genau die kleinen Details, ob eine Fassade dauerhaft sauber bleibt oder immer wieder zum Ziel wird.